Parmelin-Nachfolge: Zehn Frauen in 178 Jahren sind kein Zufall
Mit dem Rücktritt von Guy Parmelin könnte das Parlament wieder eine dritte Bundesrätin wählen. Doch die SVP findet kaum Kandidatinnen. Und die Frauen der anderen Parteien schauen zu, statt Druck zu machen.
Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist weiblich. Im Bundesrat sitzen fünf Männer und zwei Frauen. Seit dem Rücktritt von Viola Amherd im Frühling 2025 liegt der Frauenanteil in der Landesregierung bei 28,6 Prozent. Für ein Gremium, das die Schweiz in ihrer ganzen Vielfalt abbilden soll, ist das kein Detail. Es ist ein Mangel an Repräsentation.
Seit 1848 haben zehn Frauen dem Bundesrat angehört, Männer weit über hundert. Eine Frauenmehrheit gab es nur einmal, für ein knappes Jahr zwischen Ende 2010 und Ende 2011. Danach pendelte die Zahl zwischen drei und zwei Bundesrätinnen. Jetzt sind es wieder zwei. Gleichstellung ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt. Sie geht verloren, wenn niemand sie verteidigt.
Das bequemste Argument greift zu kurz
Sobald die Frauenfrage gestellt wird, kommt der Reflex: Es zähle nicht das Geschlecht, sondern die Fähigkeit. Das klingt vernünftig, ist aber eine Ausrede. Wer so argumentiert, unterstellt, dass die heutige Zusammensetzung das Ergebnis einer reinen Bestenauslese ist. Dann müsste man im Umkehrschluss glauben, dass es in der Schweiz schlicht weniger fähige Frauen gibt. Das glaubt im Ernst niemand.
Fähige Politikerinnen gibt es genauso viele wie fähige Politiker. Wenn trotzdem über Jahrzehnte fast nur Männer gewählt werden, liegt das nicht an fehlender Kompetenz. Es liegt an den Filtern davor: an Netzwerken, Nominationsgremien, Listenplätzen und an der Frage, wer überhaupt gefragt wird. Bezeichnend ist auch, welche Fragen gestellt werden. Céline Amaudruz musste sich nach ihrer Kandidatur zur Mutterschaft äussern. Einem männlichen Kandidaten stellt diese Frage niemand.
Das Fähigkeitsargument wird ausserdem nur in eine Richtung angewendet. Bei über hundert Bundesräten hat kaum jemand gefragt, ob jeder einzelne wirklich der Beste war. Erst wenn eine Frau zur Diskussion steht, wird die Kompetenzfrage plötzlich zur Grundsatzfrage.
Das hausgemachte Problem der SVP
Die SVP ist die wählerstärkste Partei des Landes. Eine Bundesrätin, die sie selbst nominiert und ins Amt gebracht hat, gab es aber noch nie. Diesmal hätte sie die Chance dazu. Doch bisher hat sich mit der Genfer Nationalrätin und Parteivizepräsidentin Céline Amaudruz nur eine einzige Frau gemeldet. Die Liste der Absagen ist dagegen lang: Ständerätin Esther Friedli, Regierungsrätin Natalie Rickli, Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher und Nationalrätin Martina Bircher.
Dass die Auswahl so klein ist, ist kein Naturereignis. Von den SVP-Mitgliedern im Nationalrat sind gerade einmal 12 Frauen, im Ständerat ist es eine. Wer seine Kandidatinnen nicht aufbaut und aktiv unterstützt, darf sich nicht wundern, wenn sie im entscheidenden Moment fehlen.
Dabei geht es nicht um eine links-feministische Quote. Die SVP könnte zeigen, wie sie sich einen zeitgemässen Konservatismus aus weiblicher Sicht vorstellt. Für eine Partei, die gerne den Anspruch erhebt, das Volk zu vertreten, wäre das eigentlich naheliegend.
Die Frauen der anderen Parteien schweigen
Fast noch erstaunlicher ist die Zurückhaltung der anderen Parteien. SP, Grüne, GLP, Mitte und FDP haben sich jahrzehntelang als Vorkämpferinnen der Gleichstellung präsentiert. Viele von ihnen werden heute von Frauen geführt. Jetzt, wo es konkret wird, ist es still.
Dabei hätten sie einen Hebel. Die Wahl in der Bundesversammlung bestreitet die SVP nicht allein. Die Frauen aller Parteien könnten gemeinsam und unmissverständlich eine dritte Bundesrätin fordern. Sie könnten ihre Unterstützung davon abhängig machen, dass zwei Frauen auf dem SVP-Ticket stehen. Das wäre keine Einmischung, sondern politische Verantwortung.
Die Zeit drängt. Wer eine Wahl gegen den Willen der SVP-Fraktion annimmt, wird laut Parteistatuten automatisch ausgeschlossen. Eine Korrektur am Wahltag ist deshalb kaum realistisch. Der Druck muss vorher kommen. Am 20. November entscheidet die SVP-Fraktion über ihr Ticket. Die Frage lautet nicht, ob es genug fähige Frauen gibt. Die Frage lautet, wer bereit ist, sie einzufordern.