SBB: Jeder merkt, wenn die Inszenierung die Leistung übersteigt
Nicht jede Spitzenposition wird zu einem vollen Erfolg. Doch Führungskräfte, die ihren Leistungsausweis zu einseitig positiv darstellen, durchschaut die Öffentlichkeit schnell. Ein Beispiel dafür ist Monika Ribar, bis Ende April 2026 die Verwaltungsratspräsidentin der SBB. Sie inszeniert ihren Abgang medial als Abschluss einer Erfolgsgeschichte, findet dabei aber bisher noch nicht das rechte Mass für ihre Inszenierung.
Von HANS KLAUS
Ein wenig Inszenierung gehört zu jeder Position auf oberster Führungsebene, insbesondere in börsennotierten und öffentlichen Unternehmen sowie in der Politik. Man wird in diesen Ämtern von grossen Teilen der Öffentlichkeit beachtet und beobachtet, weil sie nun einmal mit den Auswirkungen vieler Entscheidungen konfrontiert ist. Der persönliche Auftritt und jedes Wort dieser Führungskräfte werden darauf geprüft, ob sie mehr als die offiziellen Verlautbarungen verraten. Sie müssen daher geplant und gestaltet werden, dürfen sich aber nicht ganz von der Realität verabschieden. Sonst wirkt es kalkuliert bis unglaubhaft.
Monika Ribar, von 2016 bis Ende April 2026 die Verwaltungsratspräsidentin der SBB, hat erkennbar noch Mühe damit, das rechte Mass für ihre Inszenierung zu finden. Mit dem absehbaren, weil vorgeschriebenen Ende ihrer Amtszeit begann sie eine Medienkampagne in eigener Sache, wie sie nicht unüblich ist – häufig, um sich für Anschlusspositionen ins Gespräch zu bringen, auch wenn man das offiziell immer bestreitet. Dabei scheint Monika Ribar sich in der Rolle als «Grand Dame» (SRF) zu gefallen, die eigentlich über den Dingen steht und sich am liebsten zu übergreifenden, moralisch vermeintlich höher stehenden und kaum angreifbaren Themen wie Frauenförderung äussert.
«In ihrer Amtszeit navigierte sie das Unternehmen durch die schwere Coronakrise, feierte historische Passagierrekorde und leitete einen strategischen Kurswechsel ein. Gleichzeitig hinterlässt sie eine Bahn am Anschlag», fasst der SRF dagegen ihre zwiespältige Bilanz zusammen, die neben Erfolgen eben auch von einer fehlenden strategischen Vision und operativen Schwächen geprägt war. «Die Schuldenlast von über 11 Milliarden Franken ist erdrückend, SBB Cargo ein Dauersorgenkind und das Schienennetz stösst an seine Kapazitätsgrenzen.» Ähnlich urteilt der Tages-Anzeiger: «Auf strategischer Ebene haben die SBB grosse Baustellen, und es ist nicht ersichtlich, dass Ribar da grosse Spuren hinterlassen hat.» Er nennt: Kein Zugewinn an Marktanteilen trotz Milliardeninvestitionen, finanzielle Schieflage wegen falscher Planung («Ribar hat zwar verschiedentlich davor gewarnt, aber zu leise und zu spät»), mangelnde Fortschritte bei der Digitalisierung und der internationalen Anbindung.
Für die Problemen ist niemand richtig verantwortlich
«Was hat Monika Ribar als SBB-Präsidentin denn konkret geleistet?», fragte die Bilanz bereits 2024. «Monika Ribar hat ihren Willen zur Macht nie verhehlt, liess sich auch durch Rückschläge, etwa bei Panalpina, nicht bremsen – unter mangelndem Selbstbewusstsein litt sie, weiss Gott, zu keiner Zeit. Kritiker kamen eben mit ihrer Durchsetzungskraft nicht klar, oder sie waren womöglich rückständige Frauenfeinde?» An den Problemen der SBB waren, so klingt es in Monika Ribars Interviews zum Abschied, vor allem andere oder irgendwie niemand schuld. «Es gab eine Zeit (...), da hat man die Folgen der höheren Frequenzen und der schwereren Züge sicher unterschätzt», sagt sie zum Beispiel, ohne zu benennen, wer «man» denn gewesen sein soll. «Die Abnutzung wurde grösser und es hat sich ein Rückstand im Unterhalt aufgebaut.» Auch hier: Keiner so richtig verantwortlich, der Sanierungsrückstand hat sich quasi selbst gebildet, mehr Geld bräuchte es aber sicher.
In den letzten Tagen ihrer Amtszeit berichtete die NZZ noch über fragwürdige Mandate für ehemalige SBB-Führungskräfte: «Drei Kader erhielten nach ihrem Ausscheiden aus der Konzernleitung zwischen 99 000 und 270 000 Franken. Zu den geleisteten Arbeitsstunden schweigen die SBB.» Das erinnert an eines der ersten Vorkommnisse beim Amtsantritt von Monika Ribar – einen speziell für sie neu geschaffenen kostenlosen Privatparkplatz am Bahnhof ihrer Wohngemeinde für ihren Maserati Quattroporte. All das verträgt sich wenig mit dem demonstrativ vorgetragenen Interesse am Gemeinwohl. Aus kommunikativer Sicht wären für Monika Ribars Abschiedstour deutlich weniger, dafür nuancierte Interviews empfehlenswerter gewesen. Die Schweizer erwarten überhaupt keine Perfektion von ihren Führungskräften und sind im Rückblick sogar geneigt, Fehler milde zu beurteilen – wenn sie den Eindruck haben, dass da jemand ehrlich und reflektiert, auch selbstkritisch auftritt.
Nicht jede Spitzenposition wird zu einem vollen Erfolg. Doch Führungskräfte, die ihren Leistungsausweis erkennbar einseitig positiv darstellen, durchschaut die Öffentlichkeit. Sie kennt nicht alle Details und Hintergründe, sondern urteilt auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen – in diesem Fall mit den SBB. André Wyss, der neue VR-Präsident, wird seinen eigenen Kommunikationsstil finden. Er war zuvor in der Konzernleitung von Novartis und bis März 2025 CEO von Implenia. Wyss wird politisch viel aktiver sein und ins operative Tagesgeschäft eingreifen müssen, denn Erfolg und Absturz liegen bei den SBB sehr nahe beieinander. Monika Ribar hat bisher angeben, dass sie alle Ämter zurückgebe und sich zukünftig nur noch für ein Entwicklungsprojekt in Kambodscha engagieren wolle. Die breit angelegte Medientour, mit der sie ihren Abgang als Abschluss einer Erfolgsgeschichte inszenierte, lässt allerdings anderes vermuten.