UBS: Hier zeigt der CEO, wie man strategisch kommuniziert
Selbst die höchsten Kader können sich öffentlich meist nicht so frei äussern, wie sie es gern hätten. Auf die Wahrnehmung des Unternehmens ist Rücksicht zu nehmen, ebenso auf Investoren, Kunden und Mitarbeiter. So bleibt es vielfach bei PR-Phrasen, geglättet und abgeschwächt. Sergio Ermotti, CEO der UBS, zeigt beispielhaft, dass es anders geht: Mit Klarheit und Substanz geht er auch heikle Konfliktthemen geschickt an.
Von HANS KLAUS
Bei Kadern der höchsten Führungsebene wird allgemein häufig davon ausgegangen, dass zumindest diese sich ganz frei äussern könnten. Aber selbst ein CEO ist im Normalfall ein Angestellter mit vertraglichen Bindungen und Grenzen. Zudem muss er die mögliche Wirkung seiner Worte auf Investoren, Kunden und Mitarbeiter besonders bedenken. Der Geschäftsführer eines inhabergeführten Mittelständlers kann im Grunde reden, wie er es für richtig hält. Der CEO eines börsennotierten Konzerns muss wie ein erfahrener Diplomat kommunizieren: Verständlich und wirkungsvoll, auch wenn er nie alles aussprechen kann.
Wie man sich in diesem Spannungsfeld elegant und präzise bewegt, zeigte in jüngster Zeit erneut Sergio Ermotti, CEO der UBS. In einer Reihe von Interviews äusserte er sich ungewohnt offen und klar für jemanden in seiner Position, verlor dabei aber nie seine strategischen Ziele aus dem Blick. Einerseits steht nach der anspruchsvollen, zügig und erfolgreich durchgeführten Integration der Credit Suisse ein Stellenabbau in mindestens vierstelliger Höhe an, der nicht zu einem Reputationsschaden führen darf. Andererseits muss die UBS nun ihre zukünftige globale Rolle finden und ausfüllen, wobei die weitere Expansion in den USA und sogar eine Verlagerung des Hauptsitzes diskutiert werden.
Substanziell und präzise, aber nicht anmassend oder arrogant
In einem bemerkenswerten Interview mit dem Tages-Anzeiger gab Ermotti eine Gesamtschau der Welt- und Branchenlage, beschrieb Lage und Vision der UBS, kommentierte Abstimmungen und Initiativen, sogar die strategische Planungskompetenz einzelner Kantone. Sachlich und knapp, aber substanziell und präzise, dadurch nie anmassend oder arrogant wirkend. Heikle Punkte – etwa sein Salär im Vergleich zum durchschnittlichen Haushaltseinkommen – umschiffte er geschickt: «Mein erster Monatslohn als Lehrling betrug 350 Franken. Ich kenne den Wert des Geldes und verstehe, dass mein heutiger Lohn vielen nicht normal erscheint. Mir ist wichtig, dass ich wie meine Konkurrenten und anhand meiner Leistungen bezahlt werde.» Im übrigen hätten der Verwaltungsrat und 90 Prozent der Aktionäre zugestimmt.
Ein gravierender Streitpunkt ist die Forderung nach verschärften Eigenkapitalvorschriften, für die sich Bundesrat, FINMA und SNB aussprechen. «Wer die Debatte verfolgt hat, erhielt den Eindruck, Sie seien in einem Kampf gegen Finanzministerin Karin Keller-Sutter», fragte der Tages-Anzeiger dazu provokativ. Ermotti wurde nicht persönlich, sondern lenkte den Fokus zurück auf die Fakten: «Leider gibt es immer noch zu viel Angstmacherei und Stimmen, die behaupten, wir hätten in der Schweiz weniger strenge Regeln als im Ausland. Das stimmt einfach nicht.» Hier spricht ein unternehmerisch agierender Top-Manager, der seit 50 Jahren in der Branche ist. Ohne Karin Keller-Sutter zu nahe treten zu wollen: Eine gelernte Konferenzdolmetscherin mit Nachdiplomstudium Pädagogik, vor ihrer politischen Karriere als Berufsmittelschullehrerin tätig, argumentiert da in einer ganz anderen Liga.
Rückhalt durch den Verwaltungsratspräsidenten
Ermotti wirkt trotz gewaltiger Herausforderungen in seiner zweiten Amtszeit seit 2023 – er war bereits von 2011 bis 2020 Group CEO der UBS – souverän und frei. Einerseits, weil er niemandem mehr etwas beweisen muss und sein Austritt 2027 bereits klar kommuniziert ist. Andererseits wegen der Unterstützung von Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher, der ebenso unternehmerisches Denken und klare, dabei nicht konfrontative Worte schätzt. Dieses kongeniale, vertrauensvolle Verhältnis gibt dem CEO den Rückhalt und die Freiheit, sich öffentlich zu äussern, ohne es bei PR-Phrasen belassen zu müssen, die noch geglättet und abgeschwächt werden. Die notwendige Konsolidierung nach der Fusion – bis zu 3000 Kündigungen in der Schweiz – wird durchgezogen und nicht beschönigt. Die Handelszeitung notierte trotz des schwierigen Themas anerkennend: «Sergio Ermotti hält wenig von Behauptungen und schmettert wildes Spekulieren auch schon mal als ‹Bullshit› ab. Er setzt auf Zahlen, auch bei den Entlassungen bei der UBS in der Schweiz.»
Für die UBS wird es eine enorme Herausforderung werden, bis zum kommenden Jahr einen vergleichbaren neuen CEO zu finden. Es war ein seltener Glücksfall, dass man für die Übernahme der Credit Suisse, für die Fusion und die aktuell laufende Konsolidierung mit Ermotti einen erfahrenen Ehemaligen zurückholen konnte, der innerhalb kürzester Zeit verfügbar war. Dieses Vorgehen wies aber auch auf eine Schwachstelle in der Nachfolge hin. Ein Unternehmen mit 103'177 Vollzeitstellen (Ende 2025) sollte bereits intern Optionen haben. Auch das hat Ermotti erkannt und sorgt bereits vor: Er wünscht sich einen internen Kandidaten und lässt schon Listen für die neue Konzernspitze zusammenstellen.