Untersuchung zu Todesfällen im USZ-Herzspital: Angemessen im Ton, konsequent im Handeln
Jede Führungskraft, die ein Amt antritt, findet Fehler und Versäumnisse ihrer Vorgänger vor und muss sich mit den teils gravierenden Folgen beschäftigen. Der Umgang der heutigen Leitung des Universitätsspital Zürich (USZ) mit den skandalösen Vorkommnissen in ihrem Herzspital in den Jahren 2016 bis 2020 zeigt vorbildlich, wie man eine tragische Krise aufklärt und neues Vertrauen aufbaut.
Von HANS KLAUS
Es ist eine kommunikative Standardtaktik aller Führungskräfte, sich Erfolge während ihrer Amtszeit selbst zuzuschreiben, Misserfolge dagegen ihren Vorgängern. Da unterscheiden sich Politik, Verwaltungen, öffentliche und private Unternehmen wenig. Jeder, der ein Amt antritt, findet Fehler und Versäumnisse vor und muss sich mit den teils gravierenden Folgen beschäftigen. Die Qualität einer Führungskraft zeigt sich darin, wie offen und entschlossen sie die Vergangenheit aufarbeitet, um der Organisation in die Zukunft zu helfen.
Wie man das vorbildlich angeht, hat die heutige Leitung des Universitätsspital Zürich (USZ) gezeigt, zuvorderst Spitalratspräsident André Zemp und CEO Monika Jänicke. Sie haben ein bedrückendes Erbe angetreten, nämlich die Aufklärung der skandalösen Vorgänge am USZ-Herzspital in den Jahren 2016 bis 2020 mit einer Reihe von Todesfällen, die bestimmten Implantaten zugeschrieben werden. Damit verbundene Komplikationen sollen verheimlicht worden sein, weil einige Ärzte finanzielle Gewinne aus den Operationen zogen und auch nicht davor zurückschreckten, dafür wissenschaftliche Publikationen zu schönen. In diesen Tagen hat das USZ seinen Untersuchungsbericht dazu veröffentlicht.
Organisatorisch schnell und konsequent gehandelt
«Der Spitalrat hat entschieden, vollständige Transparenz zu den Ursachen der Verfehlungen zu schaffen und dazu den gesamten Untersuchungsbericht offenzulegen», heisst es dazu in der bemerkenswerten Zusammenfassung. «Spitalrat und Spitaldirektion sind tief betroffen von den Ergebnissen der Untersuchungen, welche ein inakzeptables Verhalten der seinerzeitigen Verantwortlichen zeigen. Sie bitten die Betroffenen und Angehörigen um Entschuldigung für das Leid, das sie durch die nun festgestellten Verfehlungen erfahren haben.» Die USZ-Leitung kündigte neben internen Konsequenzen an, die elf nicht erwartbaren Todesfälle sowie die 13 unangemessenen Einsätze von Medizinprodukten der zuständigen Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich anzuzeigen bzw. zu melden.
André Zemp ist seit 2021 in seinem Amt, Monika Jänicke seit 2023 in ihrem. Was sie beim Antritt vorgefunden haben, übersteigt individuelle Tragödien. Grundpfeiler des USZ waren angeschlagen, etwa das Vertrauen in die Fachkompetenz, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit der Ärzte, denen sich Patienten anvertrauen – aber auch entscheidende geschäftliche Partner wie die Krankenversicherungen. Die neue USZ-Leitung hat einen angemessenen Tonfall gefunden, der die Trauer der Betroffenen respektvoll aufnimmt und anspricht, aber auch organisatorisch schnell und konsequent gehandelt. Dazu gehörte vor allem die Einrichtung einer neutralen Untersuchungskommission, die niemanden schonen sollte.
Untersuchungsbericht hat neues Vertrauen aufgebaut
Dass selbst die kritischsten Medien heute ohne jede Häme und Ironie von einer «unabhängigen Untersuchungskommission» sprechen und sich in ihrer Berichterstattung auf deren Erkenntnisse stützen, zeigt bereits, dass neues Vertrauen aufgebaut worden ist. Was wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, musste allerdings gegen Widerstand in den eigenen Gremien und eine erstaunlich desinteressierte Politik durchgesetzt werden. Auch die Gesundheitsdirektion des Kanton Zürich agierte, so die Wahrnehmung, als ginge sie all das nur wenig an. Hier zeigt sich, dass André Zemp und Monika Jänicke nicht auf kurzfristige Beliebtheit oder das Vergessen der Öffentlichkeit setzten, sondern führten.
Bei einer Krise, die Menschen sogar im körperlichen Sinne nahe geht, genügt es nicht, ein Gutachten bei einer Anwaltskanzlei in Auftrag zu geben, um sich abzusichern, und alles weitere dem Mediensprecher zu überlassen. Die Berufung einer fachlich kompetenten und unbestritten unabhängigen Untersuchungskommission zeigt dagegen, dass man es mit der Fehlersuche und Aufarbeitung ernst meint. Die USZ-Leitung berief dafür den Alt Bundesrichter Dr. Niklaus Oberholzer und zwei Fachexperten – Honorarprofessor Prof. René Prêtre, Herzspezialist am Universitätsspital Lausanne, und Governance-Experte Oliver Peters, Mitglied verschiedener Aufsichtsgremien (u.a. VR HOCH - Health Ostschweiz).
Freier Zugang zu allen Dokumenten und eigene Befragungen
Die Untersuchungskommission erhielt freien Zugang zu sämtlichen Dokumenten des USZ und befragte zwölf Schlüsselfiguren des Skandals. Die medizinischen Analysen übernahm ein Team von Herzchirurgen und ein Biostatistiker. Zusammen bürgen diese Experten für die Substanz des Untersuchungsberichtes, der die Vorkommnisse auf 216 Seiten detailliert und schonungslos darstellt. André Zemp und Monika Jänicke können nicht die verlorenen Menschenleben zurückbringen, tun aber alles dafür, dass sich derartige Ereignisse am USZ nicht wiederholen und die damals Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Seinerzeit haben Politik, Verwaltungsrat und die operative Leitung zu lange gewartet und damit weiteren Schaden zugelassen. Die heutige Leitung hat die undankbare, aber wichtige Aufgabe übernommen, die Schuld ihrer Vorgänger abzutragen.
Beschämend war seinerzeit auch der Umgang mit dem Arzt, der die Missstände bereits 2019 intern meldete und – als die damalige Leitung nicht angemessen reagierte – an die Öffentlichkeit brachte. Er wurde jahrelang nicht ernst genommen und schliesslich entlassen, angeblich wegen «Problemen im Team». «Es war katastrophal. Mein Ruf ist mit voller Absicht vernichtet worden», sagte er im Tages-Anzeiger. Er musste den Beruf wechseln und ist heute Unternehmer und Lokalpolitiker. Das Gutachten bestätigte ihn voll: «Genugtuung ist vielleicht das falsche Wort. Aber es ist immerhin erfreulich: Endlich wird jetzt mal gesagt, dass es zutrifft, dass Patientinnen und Patienten zu Schaden gekommen sind», sagte er dazu. «Das geht in die richtige Richtung.» Seine offizielle Rehabilitierung sollte die USZ-Leitung als nächstes auf ihre Agenda nehmen.