10-Millionen-Initiative: Die Economiesuisse klingt hier selbst wie die SVP

Volle Strassen und Verkehrsmittel, hier in Zürich: Die «Nachhaltigkeitsinitiative» will die Einwohnerzahl der Schweiz auf unter 10 Millionen begrenzen. Foto: Shutterstock

Die eidgenössische Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», die am 14. Juni 2026 zur Abstimmung kommt, ist populistisch und realitätsfern. Die Gegenkampagne ist es allerdings ebenso. Insbesondere die Economiesuisse als führender Dachverband der Wirtschaft tritt mit einer sachlich fragwürdigen Argumentation und einem Sprachstil auf, der selbst nach SVP klingt. Sie tut damit weder seinem Anliegen noch sich einen Gefallen.

Von HANS KLAUS

Wer jemanden mit seinen eigenen Waffen schlagen will, lässt sich auf eine riskante Taktik ein. Das gilt militärisch ebenso wie kommunikativ: Das Gegenüber ist mit seinen Waffen erfahren und geübt, während man sich selbst alles erst aneignen muss. Am Ende ist man bestenfalls ebenbürtig, nicht aber stark genug, um zu gewinnen. Zudem hat der Gegner seine Waffen selbst gewählt, während man ihn mit dieser Taktik nur kopiert – und möglicherweise feststellen muss, dass sie für einen selbst die falschen sind.

In diese Situation hat sich Economiesuisse, der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, mit seiner Kampagne gegen die eidgenössische Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» manövriert. Diese kommt am 14. Juni 2026 zur Abstimmung. Economiesuisse argumentiert dagegen durchweg mit dem martialischen – und am Ende nichtssagenden – Begriff «Chaos-Initiative». «Die Chaos-Initiative fordert, die ständige Bevölkerung in der Schweiz bis 2050 auf zehn Millionen Menschen zu begrenzen», «Eine absurde Forderung der Chaos-Initiative», «Bei Annahme ist Chaos vorprogrammiert», «Die Chaos-Initiative löst keine Probleme, schafft aber zahlreiche neue», «Ziel der Initiative ist ein Chaos bei den Bilateralen» – und immer so weiter.

 

Derbe, zugespitzte Sprache der SVP kopiert

 

Erkennbar hat man bei Economiesuisse beschlossen, die (vermeintlich) volkstümlich-derbe, stark zugespitzte Sprache der SVP und ihr nahestehenden Organisationen und Initiativen aufzugreifen und gegen sie zu verwenden. So, wie die SVP viele Initiativen als «extrem» bezeichnete, macht es nun umgekehrt Economiesuisse: Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» bekommt von ihr die Etiketten «radikal» und «absurd». Dieses schrille, populistische Vokabular von Economiesuisse wirkt einmal mehr hilflos. 

Die Argumentation ist aber auch sachlich falsch. Bei Annahme der Initiative droht eben kein «Chaos», sondern das Gegenteil: Alles bleibt, wie es ist, weil die Initiative – wie schon ihre Vorgänger – gar nicht umsetzbar ist. Es ist eher anzunehmen, dass sie das gleiche Schicksal wie die Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» von 2014 ereilen wird: Knapp angenommen (damals mit 50,3 Prozent der Stimmen und dem Ständemehr), aber nicht umsetzbar, weil sich das Freizügigkeitsabkommen mit der EU nicht separat vom sonstigen Vertragswerk kündigen lässt. 

Wenn überhaupt, müsste Economiesuisse hier ansetzen: Es handelt sich um eine reine Protestwähler-Initiative, die Globalisierungsverlierer und andere Unzufriedene ansprechen und eine Abstimmung über die «Bilateralen III» vorbereiten soll. Menschen, die diesen Verband ausmachen bzw. ihm nahestehen Vertreter von Branchenverbänden und kantonalen Handelskammern, Unternehmer, Parteien von Mitte bis ganz Links – werden nun aber wegen der Ratlosigkeit und fehlenden Kreativität die schiefe Losung «Chaos» übernehmen. Sie stellt einen neuen Tiefpunkt in der langen, erfolglosen Kampagnenführung von Economiesuisse dar.

 

Die 10-Millionen-Schweiz kommt sowieso

 

Anstatt die SVP mit ihren eigenen Waffen schlagen zu wollen und dafür selbst populistisch und realitätsfern aufzutreten, müsste Economiesuisse sowohl von der Argumentation wie von der Tonalität her ihren eigenen Weg gehen. Das beginnt mit einer strategischen Grundüberlegung: Muss der führende Wirtschaftsverband der Schweiz wirklich derart vehement auf eine Initiative eingehen, die sowieso nicht umsetzbar ist? Braucht es einen öffentlichen Kampf in diesem boulevardesken Stil, der eher die Wahrnehmung von Economiesuisse nach unten zieht? Die NZZ kommentierte: «Die SVP will allen Ernstes in die Verfassung schreiben, wie viele Menschen im Land leben dürfen. Ihre Initiative löst keine Probleme, schafft aber zusätzliche Unsicherheit. Trotzdem sollten es die Gegner der SVP mit ihrer schrillen Kampagne nicht übertreiben.» Das ist der richtige Ansatz.

In einer Umfrage der Sonntagszeitung vom Dezember 2025 befürworteten 48 Prozent der Befragten die «Nachhaltigkeitsinitiative», die die Schweizer Bevölkerung per Gesetz unter 10 Millionen halten will. 41 Prozent waren dagegen. Das klingt nach einer knappen Annahme, eben wie bei der Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung». Die 10-Millionen-Schweiz wird trotzdem kommen, wenn die Schweiz attraktiv und lebenswert bleibt. Sie wird auch damit umgehen können, so wie die Welt insgesamt mit Milliarden mehr Menschen als noch vor einigen Jahrzehnten umgehen kann, weil sich die Lebensbedingungen und -erwartung breit verbessert haben. Die Kampagne von Economiesuisse macht den Eindruck, dass man sich in die falsche Idee – die SVP mit ihren eigenen Waffen schlagen – verliebt und dabei alles weitere vergessen hat.