WEF: Wer Krisen nicht voll aufarbeitet, wird direkt wieder von ihnen eingeholt

Das World Economic Forum (WEF) ist weiterhin in der Krise. Nun wird intern gegen den Präsidenten und CEO wegen Epstein-Kontakten ermittelt. Foto: Shutterstock

Eine Krise hört nach ihrer aktuellen Phase nicht auf, sondern muss bis ins Detail gelöst und aufgearbeitet werden. Das World Economic Forum (WEF) ignorierte diesen Grundsatz der Krisenkommunikation und findet sich nun in einer immer schneller drehenden Abwärtsspirale wieder. Nach Gründer Klaus Schwab hat sie auch Børge Brende, Präsident und CEO des WEF, erfasst. Die Organisation wirkt zunehmend nur noch wie eine Fassade.

Von HANS KLAUS

Jede Organisation ist in Gefahr, schleichend ihren Wesenskern zu verlieren: Warum sie überhaupt existiert, auf welches übergeordnete Ziel sie ihre Ressourcen ausrichten will, was ihre Prioritäten sind, wo sie sich verortet. Bei der Gründung mag all das einmal klar und überzeugend definiert worden sein. Aber nach Jahren des Alltagsgeschäfts mit Erfolgen und Herausforderungen, mit kleinen und grossen Krisen wird das «Warum» vielleicht nicht ganz vergessen, aber oft verwässert oder zunehmend irrelevant. Lange lässt sich das kaschieren. Einmal aber wird der strategische und konzeptionelle Substanzverlust für alle offen sichtbar.

Das World Economic Forum (WEF) scheint diesen Punkt erreicht zu haben. Seit 1987 treffen sich in diesem Format globale Meinungsführer aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Es spricht für die Genialität der Idee und Umsetzung, dass es dem deutschen Gründer Klaus Schwab über fast vier Jahrzehnte gelang, die Grossen der Welt sowie einflussreiche Besucher und Journalisten ins Schweizer Bergstädtchen Davos zu locken. Was am WEF diskutiert wurde, hatte Relevanz für die Welt, bewegte ganze Industrien und half, so manchen Konflikt besser zu verstehen und Lösungsansätze mit auf den Weg zu geben. Eine ganze Generation von Führungskräften wurde vom Gedankengut des WEF geprägt.

 

Das Gefühl für den Zeitgeist verloren

 

Doch dann kam dem WEF das Gefühl für den sich ändernden Zeitgeist abhanden. Die Initiative «The Great Reset» (2020) in den Corona-Jahren gab ihr weithin das Image, eine selbstgekrönte globale Elite zu vertreten, die offen für technokratischen Zentralismus und sozial-ökologisch verargumentierte Planwirtschaft eintrat. Was als offenes Diskursforum begonnen hatte, wirkte nun wie eine organisierte Verabredung abseits demokratischer Prozesse und Kontrollen. Globale Aufsteiger wie Donald Trump, Javier Milei und Elon Musk waren erfolgreich mit fundamentalen Gegenentwürfen zum WEF-Weltbild, und es gelang nicht, das konzeptionell zu integrieren. War Trump nicht in Davos, sprachen alle über ihn; war er – wie im Januar – anwesend, war man hilflos angesichts einer schamlosen, teils faktenwidrigen Triade gegen den Rest der Welt. Mehr noch: Man beklatschte sie stehend.

Dadurch wirkten die vollmundigen Jahresmottos wie «Working Together – Building Truth» oder «A Spirit of Dialoge» mindestens belanglos und beliebig, eigentlich aber peinlich und unglaubwürdig. Zumal sich ab Sommer 2024 die schrittweise Demontage von Klaus Schwab in der Öffentlichkeit abspielte, die im Sommer 2025 in einer Palastrevolte eskalierte. Dabei blieb es nicht: Im November 2025 kamen auch Vorwürfe gegen Børge Brende, den früheren Aussenminister Norwegens und seit 2017 Präsident und CEO des WEF, dazu. Er sei mit dem skandalumwitterten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein mindestens bekannt gewesen. Brende bestritt das. Doch die nun im Februar 2026 veröffentlichten Akten des US-Justizministeriums deuten sogar auf freundschaftliche Kontakte hin. So traf man sich zum Abendessen in Epsteins Wohnung, tauschte E-Mails und SMS aus.

 

Katastrophaler Umgang mit Marke und Menschen

 

Das WEF muss nun auch hier intern ermitteln, aber dabei scheinen die Verantwortlichen in Sachen Krisenkommunikation nichts dazugelernt zu haben. So behauptete Børge Brend in seiner Verteidigung, Klaus Schwab bereits 2019 über seine Epstein-Kontakte informiert zu haben. Doch dieser dementierte das öffentlich, wodurch nun beide Führungsfiguren des WEF schwer beschädigt sind. Hier greift eine Gesetzmässigkeit jeder Krise: Wer nicht gnadenlos aufräumt und Altlasten beseitigt, wird von genau diesen schneller eingeholt, als ihm lieb sein kann. Nach einer Krise muss in der «Post-Emergency-Phase» gründlich aufgearbeitet werden – juristisch, organisatorisch, operativ, auch emotional. Dazu gehören strategische Überlegungen: Wie geht es mit der Organisation weiter? Wie soll sie sich erneuern, wie kann sie überleben, glaubwürdig und wieder erfolgreich werden? 

Aktuell wirkt das WEF, das einmal andere Orientierung gab, verloren in einer veränderten Welt (ähnlich übrigens wie die Münchner Sicherheitskonferenz und der NGO-Kosmos von Genf). Der katastrophale Umgang mit Marke und Menschen erweckt derzeit den Eindruck einer Organisation, die nur noch Fassade ist, weil sie ihren Kern – Werte, Überzeugungen, das Gefühl für die Zeit und ihre Trends – verloren hat. Die «Post-Emergency-Phase» ist mindestens so anspruchsvoll wie die akute Krisenbewältigung. Sie erfordert eine in allen Belangen unabhängige eigene Führung, die notwendigen personellen wie finanziellen Ressourcen, grosse Geduld sowie die Hartnäckigkeit, jedes Teilproblem anzugehen und zu lösen. Das ist Führungshandwerk, das ironischerweise ausgerechnet die «Global Leaders» noch immer nicht auf ihrer Agenda haben.