Rücktritt des Denner-CEO: Ein fatales Signal

Unklarer Kurs: Der Sitz der Generaldirektor der Migros in Zürich. Sie ist für die operative Führung des Migros-Genossenschafts-Bundes zuständig. Foto: Migros

Wenn ein CEO sein Amt bereits nach relativ kurzer Zeit wieder aufgibt, wirft das auch kein gutes Licht auf das Unternehmen. Der schnelle Abgang von Torsten Friedrich bei Denner weist auf die widersprüchliche Strategie innerhalb der Migros hin. Das hat insbesondere Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes und zuvor selbst Denner-CEO, beschädigt.

Von HANS KLAUS

Die Besetzung der obersten Unternehmensspitze ist mehr als eine Personalentscheidung. Sie signalisiert die Entscheidung für eine strategische Richtung – an die Eigentümer und Investoren, an die Mitarbeiter, Partner und Lieferanten. Der neue Amtsinhaber personifiziert die Strategie und ist beauftragt, sie umzusetzen. Schafft er das nicht, muss er trotz aller Gespräche und Abstimmungen mit den relevanten Gremien (z. B. Verwaltungsrat) abberufen werden oder geht gar selbst, stellen sich viele unangenehme Fragen. War er doch die falsche Wahl, passte die Strategie nicht – oder wurde die Umsetzung verunmöglicht? 

Ein Beispiel dafür ist der Rücktritt von Denner-CEO Torsten Friedrich nach weniger als anderthalb Jahren. Im November 2023 angekündigt, trat er das Amt im Januar 2025 an. Im April 2026 gab er auf. «Nach einer intensiven und bereichernden Zeit habe ich mich entschieden, Denner zu verlassen und mich beruflich neu zu orientieren», schrieb er in einem privaten LinkedIn-Beitrag, in dem er selbst keinen Grund nannte. «Hintergrund sind unterschiedliche Vorstellungen über die Strategie und die künftige Entwicklung von Denner», erklärte Eigentümerin Migros. Der Blick analysierte: Die Migros habe dem Denner-CEO die wichtigsten Kompetenzen genommen, darunter den Einkauf und die externe Kommunikation.

 

Fachlich unbestritten, trotzdem entmachtet

 

Vor Denner war Friedrich 22 Jahre beim deutschen Discounter Lidl tätig, zuletzt vier Jahre als CEO von Lidl Schweiz. «Torsten Friedrich ist ein bewährter Discount-Profi», erklärte Denner bei seiner Berufung. «Er hat gezeigt, dass er erfolgreiche Strategien auch im schweizerischen Discounthandel entwickeln kann und gleichzeitig über ein gutes Gespür sowie ein tiefes Verständnis fürs Alltagsgeschäft verfügt, was für den Erfolg entscheidend ist.» Friedrich verfüge über «langjährige Erfahrungen in allen relevanten Funktionen eines Discounters wie Einkauf, Verkauf, Logistik und Kategorie-Management.»

Entsprechend ambitioniert trat er sein Amt an und suchte bald auch selbst die Öffentlichkeit, um seine Strategie bekanntzumachen und für Unterstützung zu werben. Schon im ersten Amtsjahr solle der Umsatz steigen, kündigte er an. Bis 2023 würden rund 120 neue Filialen eröffnet und 1000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Wer die Unternehmenskultur deutscher Discounter kennt, der weiss, dass da immer auch selbst mit angepackt und geliefert wird. Der Blick meinte entsprechend: «Friedrich ist ein Machertyp. Hands-on lautet seine Devise, Ärmel hochkrempeln, Ideen ausprobieren und dann wieder fallenlassen.»

 

Reputationsschaden für die Migros-Führung

 

Der schnelle Abgang hat insbesondere Mario Irminger, Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes und zuvor selbst Denner-CEO, beschädigt. «Irminger scheint heute genau das zu tun, wogegen er sich als Denner-Chef noch gewehrt hat», kommentierte die Bilanz. Er sei «vom Freiheitskämpfer zum Bevormunder» geworden, es gebe eine «Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis», man wisse nicht mehr, ob er nicht hinter früheren Aussagen stehe. «Die Denner-Krise kratzt am Image von Migros-Chef Mario Irminger», meinte auch die NZZ und zitierte Philippe Gaydoul, bis 2007 Eigentümer von Denner: «Viele Läden sehen fast so aus wie vor bald 20 Jahren. Es wurde kaum investiert (...).» Er hätte den Verkauf an die Migros damals richtig gefunden, heute nicht mehr.

So steht die Migros einmal mehr als ein undurchschaubares, selbstbezogenes und träges Geflecht da, in dem ein strategischer und personeller Neuanfang nicht einmal in der Discounter-Tochter gelingen will. Da wirkt es fast wie Ironie, dass Denner wenige Tage nach dem abrupten Abgang ihres CEO folgende Meldung veröffentlichte: «Denner stärkt Geschäftsleitung und beschleunigt Transformation». Man habe die neue Stelle eines «Chief Transformation Officer» auf der Ebene der Geschäftsleitung geschaffen und mit einer Führungskraft aus dem Konzern besetzt. Der Tages-Anzeiger stellte inzwischen bereits die Grundsatzfrage, wofür es Denner überhaupt noch braucht. Mangels anderer Ideen wolle die Migro nun wohl mit einer eigenen Tiefpreisstrategie selbst zu Denner werden.