Ethisches Führen ist kein Luxus, sondern für langfristigen Erfolg notwendig
Rücksichtslose Kader können enorme Erfolge verzeichnen, daher werden die Folgen für die Organisation oft beschönigt oder gar nicht erkannt. Die FIFA unter der Führung von Gianni Infantino ist ein Beispiel dafür, dass selbst der grösste wirtschaftlicher Erfolg manchmal einen zu hohen Preis hat.
Von HANS KLAUS
Noch vor vier Wochen sah es so aus, als könnte Gianni Infantino, seit 2016 Präsident der FIFA, die weltweite Ablehnung seines Führungsstils überwinden. Sie reichte von einfachen Fans, die sich über überzogene Ticketpreise empörten, über Fussballverbände, die sich bei wichtigen Entscheidungen nicht eingebunden sahen, zu Menschenrechtsorganisationen, die entsprechende Missstände beklagten, bis zu politischen Organisationen. So protestierten 50 Mitglieder des EU-Parlaments gegen Infantino, aber auch seine demonstrative, deutlich unangemessene Nähe zu US-Präsident Donald Trump verärgerte weite Kreisen.
Dass ihm nun sogar der Schweizerische Fussballverband (SFV) öffentlich die Unterstützung entzogen hat, zeigt einen völligen Zusammenbruch des Vertrauens in ihn. Noch im Juni hatte er sich hinter Infantino gestellt. «Aus Sicht des SFV werfen verschiedene Vorgänge grundlegende Fragen zu Führung, Governance, Transparenz und Entscheidungsprozessen innerhalb der Fifa auf», schreibt der Verband nun. «Dies betrifft insbesondere die Themen Regelklarheit und Wettbewerbsintegrität im Fall Balogun sowie die institutionelle Einbindung und Verantwortlichkeit im Zusammenhang mit Fifa Forward Enterprise.»
Unvergleichliche, aber schwierige Erfolgsbilanz
Betriebswirtschaftlich hat Infantino, der seit dem Jahr 2000 für die FIFA arbeitete, eine unvergleichliche Erfolgsbilanz vorzuweisen. Die Umsätze der FIFA, die in 4-Jahres-Zyklen rechnet, lagen im Zyklus 1999-2002 noch bei rund zwei Milliarden US-Dollar. 2015–2018, in Infantinos erster Amtszeit als Präsident, erreichten sie bereits 6,4 Milliarden Dollar und übersteigen im aktuellen Zyklus, 2023–2026, die Grenze von 15 Milliarden Dollar. Infantino hat sehr vieles richtig gemacht und noch vorgehabt, was das Geschäftliche angeht.
Vergessen hat er dabei, dass der Zweck eben doch nicht immer die Mittel heiligt und sich irgendwann selbst diejenigen, die bisher auch davon profitiert haben, abwenden. Auf Infantino könnte ein Abschied warten, den er selbst für Illoyalität und Undankbarkeit halten wird. «Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen», wie es bei Friedrich Schiller (im Drama «Die Verschwörung des Fiesco zu Genua») heisst. Man will mit ihm nichts mehr zu tun haben, nicht nur, weil er seinen Zweck erfüllt hat, sondern weil der moralische Schaden, den er angerichtet hat, den enormen wirtschaftlichen Nutzen übersteigt.
Alte Vorurteile gegen die Schweiz bestätigt
Die Geschäftemacherei der FIFA um jeden Preis, ohne Rücksicht auf den Ruf, wenn nur genug Geld lockt, hat nicht nur die Organisation beschädigt, sondern auch alte Vorurteile gegen die Schweiz bestätigt. Dabei arbeitet mehr als die Hälfte der FIFA-Angestellten gar nicht mehr am Zürcher Hauptsitz, sondern im Ausland – Paris, Miami, Singapur. Auch hier machte sich Infantino intern Feinde: Wer nicht an einen externen Standort wechseln wollte, musste mit seiner Entlassung rechnen. Auch das mag strategisch richtig gewesen sein – Dezentralisierung, näher zu den wichtigsten Märkten –, moralisch dagegen falsch.
Für die FIFA wie für Infantino ist es Zeit für einen Neuanfang, weniger organisatorisch und wirtschaftlich als ethisch. Dabei geht es nicht um einige pseudomoralische PR-Aktionen, sondern um ein Entscheidungsgerüst, das Reputation als strategische Notwendigkeit einbindet. Wichtige Gedanken dazu finden sich im Buch «Der Arschloch-Faktor» des Stanford-Professors Robert I. Sutton, 2007 erschienen: Rücksichtslose Kader können enorme Erfolge verzeichnen, daher werden die Folgen für die Organisation oft beschönigt oder gar nicht erkannt. Langfristig zahlt sich ethisches Handeln aus, auch wirtschaftlich.